Stilles Chos von Sandro Veronesi
Das Buch wollte ich lesen, weil mich der Titel angetriggert hat. Was ist ein stilles Chaos?
Veronesi erzählt von Pietro, einem italienischen Manager bei einer TV-Firma. Gleich zu Beginn bekommen wir die wortgewaltigen Sätze um die Ohren gehauen. Pietro und sein Bruder Carlo retten zwei Frauen am Strand. Die Rettung wird Minute für Minute erhält. Sämtliche Gedanken und Empfindung, jede Welle, seitenlang. Zeitgleich stirbt zu Hause seine Lebensgefährtin Lara an einem Aneurysma. Das geht schnell. Übrig bleiben er und seine 10jährige Tochter Claudia.
Pietro erstarrt, er zeigt keine Trauer, kein Gefühl. Er beschließt ab sofort immer bei Claudia zu bleiben, um ihr Halt und Stütze zu geben? Oder eher sich. Unklar. Er bleibt im Auto und auf einer Bank vor der Schule, arbeitet von dort aus und weigert sich in sein altes Leben zurückzuschlittern. Claudia kopiert seine Erstarrung und lässt sich von ihrer Trauer nichts anmerken.
Seine Kollegen, seine Chefs und seine Schwägerin besuchen ihn auf seiner Bank. Jeder lädt sein eigenes Leid bei ihm ab. Das dauert auch wieder. Seite für Seite, ausführlich, brillant geschrieben, aber mit hoher Anforderung an die Konzentration der Leser. Was macht er nur mit seinen eigenen Gedanken? Marta seine Schwägerin sät Zweifel in der guten Beziehung zu der Frau, die er bald heiraten will. Hat er sie überhaupt gekannt, hatten sie eine Beziehung, waren sie ein Liebespaar?
Pietro ist ein passiver Typ, mir fehlt das italienische Temperament. Er überlässt vieles dem Zufall. Macht Spielchen, wenn er sich entscheiden soll. Schwimmt mit auf der Welle, die ihm seine Besucher so vorgeben. Das Ende verrate ich nicht.
Man muss sich schon einlassen wollen, auf die fast 500 Seiten. Mir gefällt das Buch. Und Veronesi gibt uns schon verschiedene Definitionen mit auf den Weg, was „Stilles Chaos“ bedeuten kann.